Neujahrsempfang der Apothekerkammer Nordrhein

Interdisziplinär und patientenorientiert für eine verbesserte Versorgung

Gesundheitspolitischer Dialog beim traditionellen Neujahrsemfpang der Apothekerkammer Nordrhein im Düsseldorfer Maxhaus: Die zentrale Bedeutung der Apotheken als wichtige Schnittstelle zwischen Patienten und Ärzten unterstrich Gastrednerin Barbara Steffens, Gesundheitsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen. Kammerpräsident Lutz Engelen hob in seiner Begrüßung zum einen die Stärkung der Apothekerschaft durch das von der Landesgesundheitskonferenz beschlossenen Maßnahmenpaket hervor. Zum anderen ging Engelen intensiv auf die Positionierung des Landes im Rahmen der Novellierung der Apothekenbetriebsordnung ein. In diesem Zusammenhang thematisierte der Kammerpräsident auch die Herausforderungen einzelner Vorschriften und forderte – etwa beim Thema Barrierefreiheit – eine Interpretation mit Augenmaß.

Die Rede des Kammerpräsidenten im Wortlaut:

„Sehr geehrte Frau Ministerin Steffens,

sehr geehrte Damen und Herren,

die nordrheinischen Apothekerinnen und Apotheker haben immer sehr bewusst und dankbar zur Kenntnis genommen, dass sich die Gesundheitspolitik des Landes NRW in Fragen der Arzneimittelversorgung stets eindeutig für den versorgungsorientierten und eben nicht für den kapitalorientierten Weg ausgesprochen hat.

An zwei, für uns, für die Apothekerschaft essentiellen Themen, ist dies meiner Einschätzung nach im vergangenen Jahr ganz besonders deutlich geworden: Zum einen in der Positionierung des Landes im Rahmen der Novellierung der Apothekenbetriebsordnung und zum anderen in dem von der Landesgesundheitskonferenz beschlossenen Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Sicherheit der Arzneimitteltherapie.

Herausforderung Apothekenbetriebsordnung

Den Ländern – und ganz besonders unserem Land NRW – ist es zu verdanken, dass es bei der Diskussion zur Apothekenbetriebsordnung, nicht zur falschen Weichenstellung kam. Ganz im Gegenteil, die Landesregierung hat sich weiterhin für eine Versorgung durch den freiberuflich arbeitenden Apotheker vor Ort ausgesprochen.

Dafür möchte ich ganz ausdrücklich Ihnen, Frau Ministerin Steffens, und den Mitarbeitern Ihres Hauses ganz besonders danken.

Allerdings: Bei der Interpretation der neuen Vorschriften der Apothekenbetriebsordnung spüren wir einen echten Jojo-Effekt: War Anfang 2012 noch von „Apotheke light“ die Rede, spricht man heute mit Blick auf nicht wenige Vorschriften auch schon einmal von „Apotheke heavy“.

Exemplarisch – für die im Einzelnen stark überzogene Regelungswut – möchte ich auf eine Vorschrift eingehen: Die Barrierefreiheit.

Dass Apotheken, wie auch Arztpraxen, Krankenhäuser, Krankenkassengeschäftsstellen und andere öffentliche Gebäude von Menschen mit Behinderung, alten Menschen mit Gehstock oder Rollator und Personen mit Kinderwagen barrierefrei erreicht werden und ohne fremde Hilfe zweckentsprechend genutzt werden können, wird sicherlich von uns allen hier im Raum als richtige und notwendige Anforderung gesehen. Apotheken gehören bekanntlich zu den Unternehmen unseres Landes mit langer unternehmerischer Tradition.Damit befinden sich Apotheken nicht selten in alt erbauten Geschäftsräumen, die die Barrierefreiheit – und damit die Ansprüche der heutigen Zeit – nicht immer idealtypisch erfüllen.

Wir haben diese Problematik mit den Amtsapothekerinnen und Amtsapothekern ausführlich erörtert und hoffen sehr auf eine praxisnahe und der Sicherung der Vor-Ort-Versorgung Rechnung tragende Überwachungspraxis.

Jedenfalls kann und darf es nicht sein, dass eine jahrzehntelang oder auch in sehr seltenen Fällen jahrhundertelang ordnungsgemäß betriebene Apotheke aufgrund von Stufen im Eingangsbereich unverkäuflich werden soll. Eine solche „Enteignung durch die Hintertür“ kann und darf nicht Ziel einer freien und demokratischen Gesellschaft sein.

Wir erwarten eine Interpretation dieser Vorgabe mit Augenmaß und werden als Kammer den Kollegen im Streitfall mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und dieser Streit wird im einen oder anderem Fall leider geführt werden, da bin ich mir sicher.

Wenn in manchen Situationen sowohl die Apotheke als auch die benachbarte Arztpraxis oftmals nur durch Stufen oder Treppen zu erreichen ist , bleibt es mir vollkommen unverständlich, dass zwischen den beiden Heilberufen so krass unterschieden werden soll.

Alle freien Heilberufe, Ärzte und Apotheker, haben und werden auch zukünftig verantwortungsvoll den individuellen baulichen Gegebenheiten Rechnung tragen und Lösungen zur Erfüllung ihres heilberuflichen Versorgungsauftrages suchen, da bin ich mir sicher. Dies liegt in unserem ureigenen Interesse als Heilberufler und natürlich im Interesse aller, ich betone aller, uns anvertrauten Patientinnen und Patienten.

AMTS: Beschluss der LGK 2012 als starkes Signal
Die Beschlüsse der jährlichen Landesgesundheitskonferenz in NRW sind immer ein Highlight. Der Text des Jahre 2012 ist aus Sicht der Apothekerschaft in NRW und – das kann ich auch mit Blick auf unsere Bundesebene sagen – ein ganz besonderes Signal.

Die Landesgesundheitskonferenz hat sich insbesondere darauf verständigt, die Apotheke als Schnittstelle zu nutzen. Dort sollen alle verordneten Medikamente sowie die Selbstmedikation der Patientinnen und Patienten erfasst werden.Die Dokumentation soll mithilfe eines persönlichen Medikationsplans erfolgen, den die Patientin/der Patient, ähnlich wie eine Versichertenkarte immer, mit sich tragen kann. Zu Recht wird die sektorübergreifende und multiprofessionelle Zusammenarbeit von Ärzten, Apothekern und Pflegeberufen zur Optimierung der Arzneimitteltherapiesicherheit gefordert.

Das ist der richtige Weg! Kein Einzelkämpfertum, sondern kontinuierliche, interdisziplinäre, von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägte Zusammenarbeit. Genau das ist der Weg, der uns von den Bürgern in einer im Frühjahr 2012 durchgeführten Befragung genau so bestätigt wurde.

Arzneimitteltherapiesicherheit ist ein elementarer Baustein einer guten und sicheren gesundheitlichen Versorgung. Wie ein Haus ein sicheres, auf verschiedenen Ecken gründendes Fundament benötigt, wird Arzneimitteltherapiesicherheit nur dann stabil, wenn die einzelnen Berufsgruppen ihr spezifisches Know-how schnittstellenübergreifend mit einbringen.

Die aktuelle LGK-Entschließung ist Chance und Herausforderung zugleich, zur weiteren Stärkung der heilberuflichen, unabhängigen Arzneimittelversorgung durch uns Apothekerinnen und Apotheker. Dieser Chance sind wir uns vollkommen bewusst!

Wir alle sind aufgefordert, meine Damen und Herrn, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Wir alle wissen aber auch, dass dies kein einfacher Weg ist und nicht selten im Dschungel des Versorgungsalltages Weg und Ziel aus den Augen verloren gehen. Umso mehr sind die Institutionen der einzelnen Berufsgruppen gefordert, den Weg durch diesen Dschungel zu ebnen. Liebe Kolleginnen und Kollegen der anderen Heilberufskammern, KVen und Verbände, ich freue mich auf diese, neue, gemeinsame Herausforderung.

Die Apothekerkammer Nordrhein zumindest ist zu diesem Weg bereits aufgebrochen. Exemplarisch möchte ich vier Beispiele nennen:

Einzigartiges interdisziplinäres Projekt: PharmCHF-Studie

In diesen Tagen startet in NRW die bundesweit erste, berufsübergreifende Patientenstudie unter dem Namen :PharmCHF (Pharmacy-based interdisciplinary Program for Patients with Chronic Heart Failure). In dieser apothekenbasierten, natürlich randomisierten und kontrollierten Studie wird untersucht, welche Effekte ein kontinuierliches, interdisziplinäres Programm zur Verbesserung der Einnahmetreue und zur Verminderung von Arzneimittelrisiken auf Krankenhaushalte und Sterblichkeit hat. Einbezogen in dieser Studie sind ausschließlich ältere Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. (Es dürfte das größte gemeinsame wissenschaftliche Projekt von Ärzten und Apothekern in Deutschland sein. Vielleicht sogar weltweit.) Es erfüllt uns in Nordrhein ein wenig mit Stolz, da durch alleinige finanzielle Unterstützung aus der Stiftung der nordrheinischen Apothekerinnen und Apotheker mit der Förderung einer Umsetzungsstudie, der Grundstein zu diesem einzigartigen Projekt gelegt werden konnte. Die Umsetzungsforschung ist mittlerweile abgeschlossen und hat bei allen Beteiligten, Ärzten, Apothekern und Patienten positive Resonanz ergeben. Ich persönlich – meine Damen und Herren - bin sehr gespannt auf die PharmCHF-Studie, die mehr als 2000 Patienten bundesweit einbeziehen wird.

Richtungsweisende Pilotprojekte: „ATHINA“ und „Team egK“

Beim Pilotprojekt „Athina-Modell“ wird die Gesamtmedikation – verschreibungspflichtige, nicht verschreibungspflichtige und sonstige eingenommene Präparate – auf ihre Sicherheit überprüft. Im sogenannten „Brown-Bag-Check“ – uns allen bekannt aus den USA – werten die Pharmazeuten die Medikation mit dem Ziel aus, Doppelverordnungen, Dosierungsfehler, Interaktionen, Neben- oder Wechselwirkungen sowie Probleme mit der Compliance ausfindig zu machen.

Gemeinsam mit den drei anderen Apothekerorganisationen in NRW – und dies ist mein drittes Beispiel – bemühen wir uns, in Zusammenarbeit mit unserem Ministerium unter Einbindung moderner elektronischer Medien, Arzneimittelsicherheit herzustellen. Unter dem Namen Team egK wird in diesem Jahr ein Pilotprojekt in Wattenscheid beginnen.

Modell mit Perspektive: Arzneimittelberatung in Pflegeheimen

Letztes Beispiel: Seit Anfang 2012 führt die Apothekerkammer Nordrhein ein Projekt zur Arzneimittelberatung in Pflegeheimen durch. Dabei identifizieren heimversorgende Apotheken gemeinsam mit dem Pflegepersonal Patienten, bei denen aufgrund einer Polymedikation Probleme entstanden sind. Qualifikationskriterien sind hierbei die Weiterbildung Geriatrische Pharmazie, spezielle Fortbildungen und Einsatz eines spezieller Software. Bei Untersuchung und Evaluation dieses Projektes wirken unter anderem der Lehrstuhl für Geriatrie an der Universität Witten-Herdecke und der Medizinische Dienst der Krankenkassen mit.

Ein wichtiges – und wie ich finde – interessantes Projekt, mit dem nicht nur gezeigt werden soll, wie die unerwünschten Arzneimittelereignisse der Heimbewohner, sondern auch die Arzneimitteltherapiekosten gesenkt werden können. Ziel ist natürlich die flächendeckende Einführung des Modells, bei der die pharmazeutische Leistung honoriert werden muß.

Honorarsystem: Weiterentwicklung mit angepassten Parametern gefordert

Das Honorarsystem bedarf aus meiner Sicht unbedingt der Weiterentwicklung: weg von den rein kaufmännischen Vergütungsparametern, wie Packungszahl und Preis, hin zu einem fairen Mix aus diesen alten Parametern, zuzüglich einer Honorierung der pharmazeutischen Versorgungsleistung des Apothekers.

Das heißt: Nicht in erster Präferenz die Anzahl der versorgten Arzneimittelpackungen, sondern vielmehr das Spektrum als auch die Qualität der Versorgung, müssen als Parameter in die Honorierung zukünftig mit einfließen.Wenn wir aber von Versorgung und heilberuflichen Leistungen reden, darf nicht vergessen werden, ohne gut qualifiziertes Personal gibt es keine Leistungen für Gesellschaft und Patienten.

Wir müssen daher, gerade aufgrund des sehr hohen Frauenanteils in allen Gesundheitsberufe , für eine funktionierende Work-Life-Balance sorgen. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass der berufliche Nachwuchs freies Unternehmertum in eigener Apotheke oder eigener Arztpraxis als Chance und nicht als Risiko oder gar als Bedrohung versteht.

Dazu bedarf es aus meiner Sicht der Stärkung und weiteren politischen Unterstützung der beruflichen Selbstverwaltung. Es bedarf einer, der hohen Verantwortung der Heilberufe entsprechende Vergütung, die kontinuierlich an die entsprechenden Rahmenbedingungen angepasst wird, sodass freies und unabhängiges heilberufliches Handeln für alle möglich bleibt. Es bedarf ebenfalls eines gut ausgebildeten Personals in unseren Apotheken und Praxen, in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

PTA-Ausbildung in NRW: zukunftsfähige Strukturen dringend benötigt

Mit Sorge schaut die nordrhein-westfälische Apothekerschaft daher auf die sich dramatisch verändernden Rahmenbedingungen für die PTA-Lehranstalten des Landes. Wir hoffen sehr, dass hier im konstruktiven Dialog eine zukunftsfähige Lösung geschaffen wird, damit auch weiterhin gerade jungen Frauen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine qualifizierte, vom Arbeitsmarkt nachgefragte Ausbildung erhalten.

Gesundheitsversorgung: adäquate politische Rahmenbedingungen gefordert

Gesundheitsversorgung – das wissen wir alle – ist ein komplexer, sektorenübergreifender Prozess, ein zentrales Element der Lebensqualität und der sozialen Sicherheit unseres Bundeslandes.

Dieses Ziel erreichen wir nur miteinander. Wir müssen uns darauf besinnen, dass wir als Zahnärzte, Ärzte und Apotheker einen Versorgungsauftrag übernommen haben.

Natürlich müssen wir als Unternehmer wirtschaftlich handeln, egal wo wir unseren Beruf ausüben. Dagegen dürfen wir aber nicht – was leider passiert - unsere Leistungen als „Deal des Tages“ im Internet anpreisen, oder als „Happy-hour Angebot“ á la „Nimm drei, zahl zwei“ verramschen.So machen wir uns selber und uns – vor allen Dingen – unseren Patientinnen und Patienten und der Politik gegenüber unglaubwürdig.

Wir brauchen eine Politik, meine Damen und Herren, – und das nicht nur in NRW – die den Wert des freien Heilberufs anerkennt, fordert und fördert, eine Politik, die die berufliche Selbstverwaltung unterstützt. Wir Apothekerinnen und Apotheker danken Ihnen, sehr geehrte Ministerin Steffens, dass Sie diesen Weg mit uns bisher gegangen sind, wir danken Ihnen für die guten Gespräche und für die hervorragende Zusammenarbeit.

Gemeinsam die Weichen stellen

Für uns alle gilt, den herausfordernden Weg der gemeinsamen Zusammenarbeit konsequent weiterzugehen. Den richtigen Zeitpunkt allerdings hierzu zu finden, welchen gemeinsamen Schritt man wann geht, das ist schwierig, und allen, die da sagen – und das gilt auch für unseren Kammerangehörigen – „nicht jetzt“, muss klar sein, dass aus „nicht jetzt“ schnell ein „nie“ wird.

Wir sollten uns daher alle bemühen, nicht nur unter einem, gleichen Himmel zu leben, sondern auch den gleichen Horizont in dieser Frage zu haben.

Uns allen wünsche ich einen angenehmen Vormittag, interessante Gespräche und natürlich ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2013 bei allerbester Gesundheit!“

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